Eine Bibliographie deutscher Italienreisen zwischen 1770 und 1870 finden Sie hier:

 

 

 

 

 

 

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    Reiseberichte

    ZACHARIÄ [VON LINGENTHAL], [KARL] E[DUARD] (GEST. 1894) Reise in den Orient in den Jahren 1837 und 1838. Über Wien, Venedig, Florenz, Rom, Neapel, Malta, Sicilien und Griechenland nach Saloniki, dem Berge Athos, Konstantinopel und Trapezunt. Heidelberg: in der akademischen Buchhandlung von J[ohann] C[hristian] B[enjamin] Mohr 1840, 37ff.

    2. Herculanum und Pompeji. Die Polychromie in der alten Architektur und Sculptur.

    Der Kunstgenuß, den man in Neapel findet, ist ganz anderer Art, als in Florenz, Rom und anderen Städten Italiens. Was man von Gemälden italienischer, und besonders neapolitanischer, oder auch spanischer Künstler in Neapel zu sehen Gelegenheit hat, trägt nicht das Gepräge vollendeter Meisterschaft, welches den Schöpfungen eines Leonardo da Vinci, Raphael, Tizian, und Anderer aufgedrückt ist, und fesselt und entzückt deshalb schon an und für sich in minderem Grade: zugleich aber erscheint dies alles bedeutungslos im Vergleiche mit den Ueberresten der antiken Kunstwelt, die, jahrhundertelang unter Lava und Asche vergraben, in Herculanum und Pompeji allmählig wieder an das Licht des Tages gefördert werden. Wenn man Herculanum und Pompeji besuchen will, sollte man jedenfalls vorher die Sammlungen der alten Geräthschaften, Gemälde, Mosaiken, Bronzen, und Marmorstatuen besichtigen, die in der einen oder der anderen jener Städte bei den Ausgrabungen gefunden, und in die Studj nach Neapel gebracht worden sind. Dann kann man sich die öffentlichen Plätze und Gebäude, und das Innere der Häuser in jenen ausgeplünderten Städten mit diesen Kunstsachen und Geräthschaften geschmückt denken, und erhält so erst ein lebendiges, anschauliches Bild von den äußeren Verhältnissen, unter welchen die Alten lebten. Wenigstens braucht man sich dann nicht ganz den Auseinandersetzungen der pompejanischen Ciceroni zu überlassen, die dem Fremden wohl gar antike Kaffee-Boutiquen zeigen und mit ernsthaftester Miene beschreiben.

    Daß weitere Ausgrabungen in dem verschütteten Herculanum nicht möglich sind, weil der auf der Lavadecke erbauten neuen Stadt Gefahr drohen würde, könnte fast unwillig machen, wenn man nicht bedächte, daß die lebende Generation überhaupt eben so gegründete Ansprüche auf diesen Boden hat, als das Altertum hatte und die Freunde des Altertums erheben mögen. Herculanum hat bereits größere Schätze geliefert, als Pompeji, und läßt noch auf mehrere hoffen; Pompeji hatte schon einige Jahre vorher durch ein Erdbeben viel gelitten und war nur in Eile wieder aufgebaut worden, als es in Asche vergraben wurde, Herculanum aber wurde in voller Erhaltung von dem Lavastrome verschlungen.

    Der Besuch der herculanischen und pompejanischen Sammlungen in den Studj und die Fahrt nach Herculanum und Pompeji selbst macht besonders die große Wahrheit anschaulich, daß die Malerei von den Alten durchgängig bei den Werken der Architektur und Sculptur angewendet worden ist: eine Wahrheit, deren Entdeckung erst der neueren Zeit vorbehalten war. Die Gebäude, gleichviel ob aus gewöhnlichem Steine oder von Marmor aufgeführt, waren außen wie innen mit verschiedenen bunten Farben angestrichen; auch den herrlichsten Marmorsäulen wurde niemals ihr natürliches Weiß gelassen. Ebenso waren die Statuen, Büsten und Basreliefs vom kostbarsten weißen Marmor durchaus bemalt: nicht blos z. B. die Gewänder der Figuren, sondern Haar, Auge, Lippen, und alle unbekleideten Theile ihres Körpers waren so gefärbt, daß die Natur täuschend nachgeahmt erschien. Auch das Elfenbein an Statuen wurde gefärbt, und selbst dem Erze suchte man eine natürliche Farbe zu verleihen. [...]